‚Mama, erzählst du mir eine Geschichte?’

‚Welche möchtest du denn hören?’

‚Egal, solange sie schön ist.’

‚Gut, dann erzähle ich dir   

 

Das Märchen von der Nixe und dem Räuber

 

Jedes Kind kennt Nixen. Sie sind für jeden Menschen das Schönsten aller Fabelwesen, sie sollen sogar schöner als Einhörner sein. Das jedenfalls sagen diejenigen, die schon einmal eine Nixe getroffen haben. Sie leben meist in Tümpeln und Seen tief in Wäldern und auch unsere kleine Nixe lebt dort. Sie hat schon viele Geschichten von ihrer Mutter über Menschen gehört und wurde immer von ihnen gewarnt. Ihre Mutter hat ihr immer erzählt, dass Menschen die Schönheit der Nixen nicht zu würdigen wüssten und wenn eine an Land ging, so wurden sie als Hexen beschimpft und verbrannt.

So hatte sich unsere kleine Nixe ihr schlimmes Bild von den Menschen gemacht und es war so grausam, wie es sich die Nixe nur ausmalen konnte. Wie konnte auch jemand, der Nixen auf die grausamste Art und Weise tötete, gut sein? Verbrannt zu werden war der schlimmste Tod, den die kleine Nixe sich denken konnte, denn der Körper wurde vertrocknet und konnte so nicht mehr atmen. Natürlich konnten Nixen auch an Land ohne Wasser leben, doch taten sie dies nicht mehr, seit so viele von ihnen hingerichtet wurden.

Eines Tages jedoch schwamm die kleine Nixe aus Neugierde nahe an der Wasseroberfläche, obwohl sie von ihrer Mutter immer so sehr davor gewarnt wurde. Die kleine Nixe konnte jedoch nichts Schlimmes dabei entdecken und an der Wasseroberfläche gefiel es ihr gut. Bis sie etwas sah, das sie noch nie annähernd erblickt hatte. Am Seeufer saß etwas, von so einer Schönheit, die an nichts der der Nixen glich. Vorsichtig schwamm die kleine Nixe näher an das Etwas, bis es den Kopf hob und der Nixe tief in die Augen blickte.

Die kleine Nixe war schon immer neugierig gewesen und so konnte sie sich ihre Frage nicht verkneifen.

‚Was bist du?’, fragte sie das Etwas.

Das legte sein schönes Gesicht in kleine Falten und legte den Kopf schief.

‚Ich bin ein Mensch. Und du musst eine Nixe sein!’, schloss das Etwas, das sich Mensch nannte.

Die kleine Nixe schüttelte den Kopf.

‚Das kann nicht sein’, sagte sie, ‚Menschen sind hässlich!’

Jetzt grinste das Etwas.

‚Dann bin ich eben ein Räuber!’, sagte es. ‚Gefällt das dir besser?’

Die Nixe nickte eifrig. Wenn der Räuber so lachte, sah er sogar noch schöner aus! In der Ferne hörte sie einen Häher schreien.

Der Räuber hob seinen Kopf und richtete sich auf.

‚Ich muss gehen’, sagte er entschuldigend.

Die Nixe erschrak.

‚Kommst du wieder?’, fragte sie schnell, als der Räuber ihr schon den Rücken zugekehrt hatte.

Er drehte sich um, nickte und verschwand dann zwischen den Bäumen. Aber er kam wieder, wie er es versprochen hatte, und als der Häher wieder rief und der Räuber ging, wünschte sich die kleine Nixe mit ihm zu gehen. Sie äußerte den Wunsch auch, doch der Räuber schüttelte lachend den Kopf und antwortete, dass er zu viel Angst um sie hätte, wenn sie mit ihm ginge.

Am dritten Tag wartete sie an der Wasseroberfläche, doch der Räuber kam nicht. Die Nixe wartete bis tief in die Nacht, doch der Räuber tauchte nicht mehr auf. Auch am vierten Tag kam der Räuber nicht. Die kleinen Nixe dachte sich, dass wenn der Räuber nicht zu ihr kam, sie eben zu ihm gehen musste. Doch sie wusste, dass er sie entweder zurückschicken würde, wenn sie so an Land ginge, oder aber sie wie ihre Vorfahren auf dem Scheiterhaufen landen würde.

Die Nixe wartete weiter und weiter, bis eines Tages ein Schatten zwischen den Bäumen auftauchte. Erfreut dachte die Nixe, es sei der Räuber, doch als die Gestalt näher kam, bemerkte sie, dass es nur ein junger Mann war, nicht ganz so schön wie der Räuber, doch auch mit seinen Reizen.

Der Junge war verletzt und schleppte sich keuchend zum Wasserrand, wo er zusammenbrach. Die Nixe schwamm schnell naher an den Jungen heran, aber als er sie erblickte, weiteten sich seine Augen vor Schreck und er schrie sie an:
‚Nicht! Bleib weg und komm nicht näher! Sie sind hier und durstreifen den ganzen Wald. Versteck dich, dann finden sie dich nicht!’

Die kleine Nixe legte verwundert ihren Kopf schief.

‚Wer durchstreift den Wald? Und wer hat dir das angetan?!’, rief sie ihm entgegen, aber der Blick des Jungen wurde trüb und dann sank er in sich zusammen.

So schnell die kleine Nixe konnte schwamm sie zu dem Jungen und watete ein wenig aus dem See heraus, bis sie neben ihm hockte. Doch so sehr sie wollte, sie konnten dem Jungen nicht mehr helfen.

Als sie ihn näher betrachtete, kam ihr jedoch eine Idee und je länger sie darüber nachdachte, desto mehr Gefallen fand sie an ihr. Die kleine Nixe war so aufgeregt, dass sie nicht länger warten konnte und sie zog sich die Klamotten des Jungen an. Ihre langen Haare versteckte sie unter der Baskenmütze, die der Junge zuvor getragen hatte. Als sie ihr Spiegelbild im Wasser betrachtete, erkannte sie sich selbst fast nicht wieder, also, beschloss sie, konnte es der Räuber auch nicht.

Sie ging längere Zeit ziellos durch den Wald und ihre Füße, die das Laufen nicht gewohnt waren, wurden müde. Irgendwann, als sie an eine große alte Eiche gelangte, in dessen Baumkrone ein kleiner Vogel saß, beschloss sie nach dem Weg zu fragen.

‚He Vogel!’, rief sie ‚Weißt du, wie ich zum Räuber komme?’

Der kleine Vogel im Baum gackerte laut.

‚Wie du zum Räuber kommst?’, rief er ihr zu ‚Aber sicher weiß ich, wie du zum Räuber kommst. Er sitzt hier oben und wartet auf dich!’

Das Gesicht der kleinen Nixe hellte sich vor Freude auf. Der Räuber hatte die ganze Zeit auf sie gewartet? Eilends fing sie an den Baum hochzuklettern, was ihr große Mühe bereitete, da sie eigentlich Angst vor Höhen hatte.

‚Aber wo ist er denn?’, rief sie dem kleinen Vogel entgegen. ‚Ich kann ihn ja gar nicht sehen!’ Aber der Vogel gackerte nur wieder.

‚Er ist hier oben, du musst nur höher klettern!’

Also kletterte die Nixe weiter. Doch als sie ihren Fuß auf einen neuen Ast setzte, rutschte er aus und sie trat ins Leere. Mit einem Krachen brach der Ast, an dem sie sich festgehalten hatte, und sie stürzte auf den Boden.

Der Vogel im Baum gackerte wieder laut: ‚Musst nur hochkommen!’, als es im Gebüsch raschelte und ein schwarzer Schatten auftauchte. Mit Erleichterung stellte die kleine Nixe fest, dass es ihr Räuber war.

Er musterte sie prüfend und argwöhnisch.

‚Wer bist du?’, fragte er schneidend.

Die kleine Nixe räusperte sich kurz, denn sie wusste, dass sie ihre Stimme verstellen musste, da der Räuber diese kannte und sagte kurz: ‚Ein Räuber!’

Sie hatte sich vorher alles gut zurecht gelegt, denn nun wusste der Räuber, das sie kein Mensch, sondern ein Räuber war!

Der Räuber blickte die kleine Nixe kurz überrascht an, dann lachte er.

‚Du bist also ein Räuber? Du solltest aber nicht zu laut damit herumprahlen, die Soldaten des Königs suchen den ganzen Wald nach Räubern ab! Am besten nehme ich dich mit in das versteckte Lager.’ Er blickte kurz an der kleinen Nixe herunter.

‚Wie alt bist du? Sechzehn, siebzehn?’

Die kleine Nixe blinzelte verwirrt mit den Augen. Was meinte er damit? Wie alt sie sei?

Der Räuber zuckte mit den Schultern.

‚Jedenfalls bist du jung. Na komm!’, sagte er und ging wieder durch das Gestrüpp, durch das er auch gekommen war. Die kleine Nixe richtete sich auf, klopfte den Dreck von den Kleidern und folgte dem Räuber.

Sie gingen eine ganze Weile schweigend nebeneinander, bis sie durch einen dichten Baum zu einer Lichtung kamen, auf der Massen von bunten Zelten standen. Der kleinen Nixe blieb vor Staunen der Mund offen stehen.

‚Du wirst fürs Erste mir Gesellschaft leisten müssen, da wir ein wenig knapp bei Unterkünften sind.’

Die Nixe nickte nur, sie wusste sowieso nicht, was eine Unterkunft war. Sie folgte ihrem Räuber nur staunend durch die vielen  Zeltreihen, bis sie bei einem großen, grünem angekommen waren. Der Räuber schob mit der Hand die Plane, die den Eingang darstellte, beiseite und stellte sich dann an die Seite, um ihr Einlass zu gewähren. Die kleine Nixe warf noch schnell einen Blick nach draußen zu der untergehenden Sonne und folgte ihm dann hinein.

‚Du schläfst dahinten.’, sagte der Räuber und zeigte auf die hintere Ecke im Zelt, hinter einer kleinen Feuerstelle, auf der ein Topf stand. Die Feuerstelle bestand jedoch nur aus glühenden Kohlen und das Zelt war gut durchlüftet, so dass man den Geruch der Suppe, die sich in dem Topf befand, gut riechen konnte.

‚Willst du etwas essen?’, fragte der Räuber und reichte ihr ohne auf eine Antwort zu warten eine Schüssel, in die er Suppe aus dem Topf löffelte. Als sie sich beide gegenüber saßen und auch der Räuber sich Suppe in seine Schüssel gefüllt hatte, hatte die kleine Nixe schon aufgegessen und beobachtete ihn nun mit neugierigem Blick. Draußen hörten sie einen Schwarm Vögel aufflattern, doch der Räuber ließ nur einen genervten Blick zur Plane schweifen und wandte sich seinem Essen zu.

Die kleine Nixe musste leise lachen. Verwundert blickte der Räuber auf.

‚Was ist?’, fragte er.

‚Nichts’, antwortete sie ‚Aber du hast mich gerade an den Bär aus einer Geschichte erinnert.’ Der Räuber wandte sich wieder seiner Suppe zu.

‚Erzähl sie mir’, sagte er.

‚Sie hat aber ein trauriges Ende.’ Der Räuber seufzte.

‚Dann will ich sie nicht hören. Erzähl mir doch eine Geschichte mit einem guten Ende.’

Die kleine Nixe überlegte.

‚Kennst du die Geschichte von dem Stoffhasen?’, fragte sie, als vor dem Zelt ein kleines Kind mit einem Teddy im Arm entlang lief. Der Räuber schüttelte mit dem Kopf und so erzählte ihm die Nixe von dem kleinen Jungen, der sein Kuscheltier so sehr geliebt hatte, dass er, als das Kindermädchen ihn hinausgeworfen hatte, weinte und von einer Fee zu einem echten Hasen verzaubert wurde. Als sie mit der Geschichte geendet hatte, sah der Räuber sie einen Moment lang an und schüttelte dann wieder mit seinem Kopf.

‚Das Ende war auch nicht gut’, sagte er traurig und sah sie fast tadelnd an.

‚Doch!’, verteidigte sich die Nixe. ‚Immerhin ist das Kuscheltier echt geworden und hat den Jungen noch einmal gesehen. Die Geschichte zeigt uns, das Liebe etwas bewirkt und das ist doch gut, oder nicht?’

Der Räuber lächelte sie an.

‚Weißt du eigentlich, das du ein ganz schön komischer Vogel bist? Aber deine Ansichten gefallen mir.’ Er stand auf und ging zu seiner Decke, die scheinbar sein Bett darstellte und legte sich hin.

‚Ich werde schlafen gehen, denn wir wissen nie, wann die Soldaten uns finden. Deswegen bringen wir die Frauen und Kinder morgen zu einer nahegelegenen Höhle, wo wir sie vorerst verstecken. Dort können wir Männer sie auch verteidigen. Du hilfst uns doch, oder?’

Die kleine Nixe nickte schnell.

‚Gut, dann solltest du auch schlafen.’

Als am nächsten Morgen die kleine Nixe von dem Räuber geweckt wurde, war noch nicht einmal die Sonne aufgegangen.

‚Wir werden die Dunkelheit ausnutzen. Komm steh auf, hier ist dein Frühstück.’

Wie die kleine Nixe bald merkte, gingen wirklich nur die Frauen und Kinder in die Höhle, die nur eine Viertelstunde entfernt lag und durch die kesselartig angelegten Steinklippen nur über die Lichtung erreicht werden konnten. Die Männer blieben in ihrem Lager, aber obwohl nun wieder mehr Platz in den anderen Zelten war, blieb die Nixe bei dem Räuber und erzählte ihm Abend für Abend eine Geschichte, die für die Nixe zu den Schönsten gehörten, während der Räuber sie lächelnd als traurig einstufte.

Immer wieder zogen die anderen Räuber mit ihm aus und versuchten die Soldaten, die immer noch im Wald nach ihnen suchten, in falsche Lichtungen locken und immer wieder kamen sie verletzt und blutbefleckt wieder zurück. Die kleine Nixe durfte nie mitkommen, denn der Räuber sagte, sie sei noch zu unerfahren. In einer Nacht hörte die Nixe, wie der Räuber sogar überlegt, sie als einen Wachposten vor der Höhle auch zu den Frauen zu bringen.

Als jedoch der Räuber am nächsten Tag schwerer als sonst verletzt ins Zelt kam, erinnerte sich die kleine Nixe an das, was ihre Mutter ihr einmal beigebracht hatte, und lief schnell in den Wald, um die Pflanze, von der sie wusste, dass sie die Wunde schnell heilen ließ, zu suchen. Nach kurzer Zeit fand sie die Pflanze und verarztete die Wunde des Räubers. So blieb sie als Heilerin in dem Lager, denn sie hatte viel von ihrer Mutter gelernt und war mit diesem Wissen unentbehrlich für die Räuber.

Jeden Morgen ging sie in die Wälder und suchte Essen und Heilpflanzen, bis zu diesem einen Tag, an dem sie beim Suchen hinter sich ein Rascheln hörte. Blitzschnell drehte sich die kleine Nixe um und sah mehrere gepanzerte Soldaten, die sie umringt hatten und mit Pfeilen auf sie zielten.

‚Wo ist das Lager?’, knurrte der Größte von ihnen und wedelte gefährlich mit seiner Armbrust. Die kleine Nixe schluckte.

‚Ich weiß es nicht!’, sagte sie mit zittriger Stimme.

Der Soldat wedelte jetzt noch heftiger. ‚Natürlich weißt du es!’

Doch hinter ihm schwang sich ein Schatten an ihn heran und traf ihn mit seinen Füßen hart am Hinterkopf. Die kleine Nixe schrie laut auf, denn ein enormer Schmerz stach in ihrer Schulter. Die Armbrust hatte sich bei dem Schlag gelöst und der Pfeil war direkt in ihre Schulter geschossen. Sie sah nur noch, wie die anderen Soldaten von den Räubern aus dem Lager niedergeschlagen wurden und sank dann ohnmächtig in die Knie.

Als sie wieder aufwachte, lag sie auf ihrem Bett im Zelt und ihr Räuber saß an ihrer Seite und hielt ihre Hand.

‚Hey, du musst doch noch bei uns bleiben!’, sagte er ihr. ‚Wir brauchen dich doch um uns zu verarzten. Es gibt nur noch einen stümperhaften Bader im nächsten Dorf, aber wir haben ihn holen lassen, um erst einmal dir zu helfen. Er hat sich nicht gerne darauf eingelassen einem Räuber zu helfen, aber wir haben ihm gesagt, du seiest unser bester Mann und hättest schon viele Male das Dorf vor den Soldaten verteidigt.’

Die kleine Nixe lächelte ihn schwach an und versuchte sich aufzusetzen, doch der Schmerz ließ sie wieder zurück aufs Bett fallen.

‚Solange bis der Bader kommt, erzähle ich dir mal eine Geschichte!’, sagte er und erzählte ihr eine Geschichte, die die kleine Nixe nicht kannte und auch in jedem Punkt gut endete.

Traurig schüttelte die kleine Nixe ihren Kopf.

‚Das ist keine gute Geschichte. Das ist eine Lüge.’ Sie blickte ihm tadelnd in die Augen. ‚Ich mag keine Lügen, und so gut endet die Wirklichkeit nicht.’

Der Räuber seufzte und wollte etwas erwidern, doch in dem Moment schob sich die Zeltplane beiseite und ein kleiner Mann betrat das Zelt. Sofort stand der Räuber auf und ließ die Hand der Nixe los.

‚Hier ist der Verletzte’, sagte er und deutete auf sie. Der Bader betrachtete sie kurz, aber dann schüttelte er den Kopf.

‚Ihr sagtet, der Verletzte wäre ein Mann!’

Dem Räuber fiel der Mund offen.

‚Aber er ist – ’

Der Bader trat einen Schritt auf die Nixe zu und zog ihr die Mütze vom Kopf, sodass ihre langen Haare um ihr Gesicht fielen. Entsetzt blickte der Räuber sie an.

‚Ich dachte, du hasst Lügen’, murmelte er und die kleine Nixe stand von ihrem Bett auf, ihren Schmerz in der Schulter ignorierend.

‚Ich wollte doch nur –’, begann sie, doch der Räuber geriet aus der Fassung.

‚Was?’, schrie er. ‚Mir Sorgen bereiten? Mir einen Bären aufbinden? Oder bist du von den Soldaten geschickt worden?’ Er atmete tief durch und die kleine Nixe dachte, er hätte sich beruhigt, doch sie hatte sich geirrt.

‚Raus’, sagte der Räuber leise und bestimmt und die kleine Nixe, der jetzt Tränen in die Augen traten, lief aus dem Zelt über die Lichtung in den Wald hinein.

Sie hörte nicht auf zu rennen und achtete nicht auf den Weg, doch ihre Füße schienen jetzt zu wissen, was sie zu tun hatte, und so lief die kleine Nixe bis zu ihrem See. Weinend ließ sie sich an seinem Ufer nieder und bemerkte gar nicht, das der Junge immer noch dort lag.

Er hatte sich verändert, und jetzt konnte die kleine Nixe deutlich sehen, dass er ein Mensch war. Er sah so hässlich und erschreckend aus, beinahe, wie sie es sich vorgestellt hatte. Die kleine Nixe schniefte und legte vorsichtig seine Kleider auf seinen Körper und seinen Kopf, so dass sie nichts mehr von ihm sehen konnte. Dann stieg sie wieder zurück in ihren See und schwor sich, nie wieder auf die Menschen hereinzufallen und herauszukommen. Doch schon am nächsten Tag schwamm sie zurück an die Wasseroberfläche, von dem Pfeil in ihrer Schulter befreit. Als sie vorsichtig an das Ufer spähte, sah sie den Räuber dort knien und als er sie sah, stand er auf.

‚Ich wollte nur wissen, ob es dir wieder gut geht’, rief er über den See und betrachtete sie. ‚Und ich wollte noch eine Chance. Ich möchte dir noch eine Geschichte erzählen. Sie dürfte dir gefallen!’

Und dann erzählte der Räuber ihr diese Geschichte, die ich dir erzähle, und obwohl er es nicht versprach, kam der Räuber am nächsten Tag wieder und erzählte auf meine Bitte diese Geschichte noch ein zweites Mal, da sie mir so gut gefiel. Am dritten Tag tat er es wieder, und danach wieder und wieder und wieder, bis er starb.’

‚Aber Mama, das ist doch keine schöne Geschichte!’

‚Ich finde sie schön, denn immerhin konnte diese Liebe zwischen den Beiden meine Meinung über die Menschen wieder ändern.

Doch, ich finde sie schön.’